Trinkwasserbrunnen in Rheine
Bürgerbeteiligung ist gut. Aber schauen wir erst auf die Zahlen: Von den rund 70 Stimmen, die in den Prozess eingeflossen sind, waren bei der eigentlichen Veranstaltung gerade einmal etwa 10 Personen anwesend. Der Rest kam über eine vorherige Online-Umfrage zustande – ohne jede Prüfung, ob jemand mehrfach abgestimmt hat. Das heißt: Wir wissen nicht nur, dass unter 0,1 % der 80.000 Einwohner beteiligt waren – wir wissen nicht einmal sicher, dass es wirklich 70 verschiedene Personen waren. Bevor aus so einem Prozess eine Entscheidung mit Investitionscharakter wird, sollte man ihm nicht mehr demokratisches Gewicht zuschreiben, als er tatsächlich tragen kann.
Die beiden Top-Favoriten im nüchternen Blick
Mühlentörchen: Der nächste städtische Trinkwasserbrunnen an der Stadthalle liegt keine 250 Meter entfernt. Das ist zumutbar – wir müssen den Menschen nicht jede Erfrischung an die Wegstrecke klatschen. Vorausgesetzt allerdings, man weiß überhaupt, dass der Brunnen da ist. Genau da liegt der eigentliche Missstand: nicht fehlende Brunnen, sondern fehlende Beschilderung. Ein neuer Brunnen am Mühlentörchen wäre teure Doppelversorgung für ein Problem, das ein Wegweiser löst.
Bahnhofsvorplatz: Gleiches Bild. Das Rathaus mit vorhandenem Trinkwasserpunkt ist ebenfalls nur einen kurzen Fußweg entfernt. Und da die Platzmodernisierung ohnehin erst in den kommenden Jahren ansteht, ergibt ein separater Brunnen jetzt schon aus Zeitgründen keinen Sinn – spätestens bei der Umgestaltung lässt sich das sauber mitplanen, statt heute Geld für eine Zwischenlösung zu verbrennen.
Zum Grünen-Argument: „Refill ist kein gleichwertiger Ersatz, weil an Öffnungszeiten gebunden“
Auf den ersten Blick klingt das plausibel. Hält der Prüfung aber nicht stand – aus drei Gründen:
- Zeitlich: Hitzeschutz wird vor allem nachmittags gebraucht, nicht um 22 Uhr abends. Und genau in diesem Zeitfenster haben sowohl Gastronomie als auch die meisten Geschäfte geöffnet (außer sonntags). Wer hier eine Versorgungslücke behauptet, konstruiert sie eher rhetorisch als tatsächlich.
- Praktisch: Der Aufwand, das Refill-Netz zu schließen, ist minimal. Für Gastronomie und Einzelhandel bedeutet Teilnahme: ein Aufkleber am Eingang, ein Eintrag auf der Website bzw. in Aquafinder. Das ist keine Investition, das ist eine Fleißaufgabe für die Verwaltung – in einer Nachmittagssitzung erledigt, nicht in einem eigenen Beteiligungsprozess mit Kriterienkatalog.
- Kommunikativ: Selbst unter den 10 Anwesenden – also den engagiertesten Bürger:innen der Stadt – war das Wissen über das bestehende Refill-Angebot überschaubar. Wenn schon die Interessiertesten kaum wissen, dass es die Möglichkeit gibt, dann ist das kein Argument gegen Refill, sondern ein Argument für Information statt Neubau. Ein Angebot, das niemand kennt, hilft niemandem – egal wie gut es auf dem Papier aussieht. Das ist ein Kommunikationsproblem der Stadt, kein strukturelles Problem des Refill-Konzepts.
Die Grünen tun so, als stünde „ein paar neue Brunnen“ gegen „löchriges Refill-Netz“. Tatsächlich steht „teurer Beton für ein Beschilderungs-, Kommunikations- und Öffnungszeiten-Problem“ gegen „ein Schild, ein Aufkleber und eine gute Info-Kampagne für dasselbe Ergebnis, günstiger und schneller“.
Wie stehen wir dazu?
Von den 45.000 Euro braucht Rheine aktuell kein einziges neues Loch im Boden – sondern:
- Ein einheitliches, gut sichtbares Beschilderungskonzept zu allen bestehenden Trinkwasserstellen.
- Eine echte Info-Kampagne zum bestehenden Refill-Angebot (Website, Aquafinder, Social Media, Aushänge) – denn ein Angebot, das nicht bekannt ist, kann nicht genutzt werden. Bekanntheit schaffen ist genauso wichtig wie das Angebot selbst.
- Den kostengünstigen Ausbau des Refill-Netzes (Aufkleber, Website-Listung, Aquafinder) – inklusive Nachmittagsabdeckung, die das vermeintliche Öffnungszeiten-Problem der Grünen von selbst löst.
- Eine ehrliche Bedarfsprüfung erst nach diesen Maßnahmen – für die echten Lücken, die dann übrig bleiben (Radbahn Rheine-Steinfurt-Coesfeld wäre so ein Kandidat, Elte im Zuge des ohnehin geplanten Ausbaus).
- Künftig: Beteiligungsprozesse mit echter Verifikation, bevor sie als Entscheidungsgrundlage für Steuergeld herhalten.
Kurz: Rheine hat kein Brunnen-Problem, Rheine hat ein Auffindbarkeits-, ein Bekanntheits- und ein Beteiligungs-Qualitäts-Problem. Und das lösen wir nicht mit Beton und 10 Leuten im Rathaus als Feigenblatt, sondern mit einem Schild, einem Aufkleber, einer guten Info-Kampagne und einer sauberen Abstimmung – smarter Staat statt fetter Staat, in Reinform.